Wie bei jedem Menschen entwickelt sich der subjektive Geschmack und die persönlichen Präferenzen recht langsam, mit der Zeit und immer nur Stück für Stück.
Was auch daran liegt, dass der persönliche Geschmack nicht nur an der Denkweise liegt, sondern auch an der individuellen Wahrnehmung. Geschmackspapillen sind zu einem großen Teil für unser Geschmackserlebnis verantwortlich und von Mensch zu Mensch unterschiedlich, sowohl in ihrer Form als auch in ihrer Häufigkeit. Das hat zur Folge, dass jeder Mensch Geschmack ein kleines Bisschen differenziert wahrnimmt.

Daher auch das Sprichwort
Dē gustibus nōn est disputandum (latein.) bzw.
Sobre los gustos no hay disput (span.) bzw.
De gustibus et coloribus non est disputandum (latein. Erweiterung um ‘Farbe’), was soviel bedeutet wie: Über Geschmäcke(r) kann man nicht streiten.

So ist das bei mir natürlich auch gewesen und ich versuche das für mich persönlich auch im Auge zu behalten und zu interpretieren, was natürlich freilich nicht immer gelingt.

Meine persönliche Geschmacksreise begann bei Federweißer und Rotem Sauser aus weniger gutem Hause. Beide bitte mit maximal 2% Alk. natürlich, da mir anfangs mehr nicht geschmeckt hat. Zu dieser Zeit war ich noch Schüler und am Trinken von Wein weitestgehend noch nicht interessiert, trotz vereinzelter Besuche unterschiedlichster Weinregionen wie der Mosel und Sachsen entlang der Elbe.

Eine erste Zäsur brachte dann die Winzerlehre meines Bruders in Traben-Trarbach an der Mittelmosel mit sich. Mein Geschmack wandte sich zu besserem aus anständigem Hause vom gänzlich süßen ‘Zeugs’ hin zu halbtrockenen und feinherben Weißweinen mit Rebsortenangabe und gegebenfalls auch Lagenangabe. Natürlich habe ich mir auch hin und wieder eine Auslese oder noch süßeres alias Beerenauslese oder gar TBA gekauft und genossen. Ich trank zwischen 2006 und 2010 zu 95% weiße Weine, davon mindestens jeder zweite mit mindestens 15 g Restüße / l.

Während meiner Wanderschaft als Kochlehrling habe ich zwischen 2010 und 2012 leider relativ wenig Wein getrunken und wenn dann auch mehrheitlich Weißwein.
Im Nachhinein bereue ich sehr in Graubünden und im Tessin nicht mehr Wein probiert zu haben. Gelegenheiten gab es ganz bestimmt ausreichend, wovon ich die allerwenigsten genutzt habe.

Erst mit dem Beginn meines Food Management & Kulinaristik Studiums an der DHBW in Bad Mergentheim im Taubertal habe ich endgültig ein Momentum überschritten gehabt, bei dem es auch in Sachen Qualitätsansprüchen gegenüber dem Wein noch stärker nach oben ging.
Gleich im ersten Monat des Studiums im Oktober 2012 organisierte ich eine Kellerführung auf freiwilliger Basis bei der ortsansässigen Genossenschaft für meinen Kurs um ein wenig in der neuen Heimat anzukommen.

Ein wirklich ausschlaggebender Moment war im April 2013 die Bekanntschaft von Simone und Stephan Krämer auf der Taubertäler Weinkost in der Wandelhalle im Kurpark von Bad Mergentheim. Eine Bewerbung und wenige Wochen war später war ich dann ein kleiner Teil vom Ökologischen Land- & Weinbau Krämer in Auernhofen. 2013 noch kein wirklich großer Name und in Fachkreisen eher unbekannt, stellte ich mir nix dir nix eine von Spontis geprägte Kollektion auf dem Vinocamp Deutschland 2013 am Campus Geisenheim vor, ohne dass jemand diese Weine jemals zuvor probiert hatte. Selbst ich war noch nicht ganz Teil der Thematik und wusste auf Christina Fischers Nachfrage, aus was denn die Weißwein Cuvée bestünde, nicht die richtige Antwort parat. Welch ein Faux pas !
Ich musste augenscheinlich noch sehr viel lernen.

Stephan Krämer entwickelte in dieser jungen Vergangenheit seinen noch heute aktuellen eigenen Stil des Hauses und ich durfte zum Glück Teil davon sein. So lernte ich aus erster Hand, was denn sehr gute und knochentrockene Weißweine sind und wo sie herkommen und was letztendlich einen sehr guten Wein ausmacht. Ich stand selbst oft im Weinberg und lernte worauf es ankommt, wenn man den Grundstein des Weines nicht erst in der Kelter od. dem Keller legen möchte.

Geschätzte weiße Rebsorten sind inzwischen guter Müller-Thurgau, Scheurebe, Johanniter, Silvaner, Grauer und Weißer Burgunder und klar – Riesling ! und das am besten trocken !

In angepasster Kleidung 😀 am 2.7.2013 im Tauberzeller Hasennestle bei viel Sonnenschein und fast 30°C im Weinberg selbst – Sonnenbrandgefahr !

Meine Wertschätzung für Rotwein begann tatsächlich erst 2014, nachdem ich von allerlei Seiten sehr viel Input diesbezüglich erhalten und somit auch Erfahrung gewonnen hatte. Schlüsselerlebnisse waren beispielsweise Vinocamps, Rotweine vom Weingut Zehnthof Luckert aus Sulzfeld und die von mir mitorganisierte Studienfahrt in die Region Langhe Roero nahe Alba im Piemont.

Seither begeistern mich Rotweine vom Spätburgunder und Schwarzriesling (Pinot Meunier) über gute und klassische einheimische Rote wie Trollinger bis hin zum Barolo (aus Nebbiolo) oder Ghemme mit massivem Holzeinsatz.

Weinprobe im Barrique-Keller von CERETTO in Rivetto, Langhe

Nicht zu vergessen, dass ich ein großer Fan von Bubbles bin ! Guter Winzersekt aus Deutschland und Österreich ist bei mir genauso beliebt wie Crémant aus dem Elsass oder Champagner, einer inzwischen kleinen aber selten geförderten Leidenschaft, aus der Champagne – woher sonst – und klar auch Cava sowie zweifelsohne Moscato d’Asti und Spumante aller Art. Jüngste Entdeckungen sind freilich PetNats (Schaumwein mit Blässchen aus der ersten Gärung) und Bonarda aus dem Piemont, welcher regional etwas musierender ausfällt. Das ist der Stand 2018/2019.

Ein noch bestehendes Defizit sind leider noch französische Rotweine aus dem Süden sowie von der Rhone und aus dem Bordeaux. Ich hoffe diesen Weinwissensleerstand noch ein so gut wie möglich verringern zu können. Darauf zum Wohl !

Hannes Hofmann